wieschowski-finalo

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Obwohl der Film ein audiovisuelles Medium ist, kann er stark auf die Körper der Zuschauenden einwirken: „Gänsehaut“, „Nervenkitzel“, „ein kalter Schauer, der über den Rücken lauft“ sind Ausdruck affektiver Qualitäten filmischen Erlebens. Doch welches Potenzial liegt in dieser sinnlichen Dimension des Films für ein queeres Kino? Diese Frage reflektiert der Film Madame Satã, indem aus der Kinoleinwand ein Spiegel und aus dem dort erlebten Affekt eine queere Subjektivität wird. Der spezifischen queeren Ästhetik, die im Kontrast zur Bildordnung des classical Hollywood steht und den damit einhergehenden Reflexionsprozessen über Kino, Spiegel und Affekte widmet sich dieser Artikel.

Hannah Hummel: An der Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion: Migration als Diskursfeld in Chantal Akerman’s De l’autre côté

Hannah Hummel: An der Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion: Migration als Diskursfeld in Chantal Akerman’s De l’autre côté

Chantal Akermans De l’autre côté spürt die Gewaltverhältnisse an der Grenze zwischen Mexiko und den USA entlang der beiden Städte Agua Prieta und Douglas sowie der Wüstenregion nördlich von Douglas auf. Die Akteur_innen des Grenzgebiets befinden sich in einer traumatischen Gegenwart zwischen Erinnerung und Realität, Sichtbarem und Unsichtbarem, sowie Stasis und Bewegung. Der Artikel beleuchtet den Differenzcharakter von De l’autre côté gegenüber den klassischen Kategorien von dokumentarischem, fiktionalem und strukturellem Film und zeigt auf, wie Akermans spezifische Filmästhetik ihren Bildern politische Wirkmächtigkeit verleiht, indem sie den Moment des illegalisierten Grenzübertritts auf eine nicht-sichtbare Wahrnehmungsebene der Betrachter_in verschiebt. Es wird dargestellt, wie De l’autre côté in seiner filmischen Rhetorik der Gegensätzlichkeit eine sich von der Grenzmauer aus auf die umliegenden Gebiete ausweitenden Brutalität evoziert und Migration auf komplexe Weise als Diskursfeld begreiflich macht.

Philipp Hanke: „Moonlight isn’t all about sex – and it’s all the more queer for it“: Sichtbarkeit und neue ästhetische Potentiale im gegenwärtigen Queer Cinema

Philipp Hanke: „Moonlight isn’t all about sex – and it’s all the more queer for it“: Sichtbarkeit und neue ästhetische Potentiale im gegenwärtigen Queer Cinema

Das gegenwärtige Queer Cinema wird regelmäßig zum Mittelpunkt von Debatten um die Sichtbarkeit von LGBT-Figuren und die Repräsentation queeren Begehrens. Insbesondere die (fehlende) Darstellung nicht-heterosexueller Sexualität führt Kritiker_innen zu pessimistischen Einschätzungen des Potentials und der Zukunft eines politischen queeren Kinos. Der Aktivismus des New Queer Cinema scheint angesichts gewonnener Kämpfe und einer fortschreitenden Kommerzialisierung vergessen. Doch eine Revision und genauere Betrachtung des NQC zeigt, dass das ‚Projekt Queer‘ nie immer nur um Repräsentation bemüht war, sondern Identitätskonzepte hinterfragte und neue Formen von Begehren denkbar machte – Ziele, die in Filmen wie etwa Barry Jenkins‘ Moonlight (2016) durch das Spiel mit Ästhetik und der filmischen Sprache erneut aufscheinen und deutlich machen, dass sich nicht (allein) die Filme ändern müssen, sondern die Art und Weise, wie wir sie sehen.

Nicole Kandioler: Regretting Womanhood. Bereuen gegen Normalisierung

Nicole Kandioler: Regretting Womanhood. Bereuen gegen Normalisierung

Eine Radiosendung über Reue, ein Theaterstück über die Wirklichkeit post operationem und ein Dokumentarfilm mit zwei Schauspielern, die sich selbst spielen. Regretters spannt ein fein ziseliertes Netz aus medial gespiegelten Trans-Identitäten. Dennoch geht es in Regretters weniger um Transsexualität als um die Wirkmächtigkeit von Heteronormativität. Inwiefern lässt sich des Scheitern als Ort feministischer Kritik lesen? Welchen Handlungsspielraum räumt das Bereuen ein? Was sind die Devianzpotenziale der transsexuellen Grenzüberschreitung hinsichtlich des Trends zum ,flexiblen Normalismus‘. Inwiefern entlarvt Regretters eine neoliberale Sozialisationskultur, die das Projekt der geschlechtlichen Selbstverwirklichung der Verantwortung jedes/jeder Einzelnen überlässt?

Anke Zechner: „She will be hanged after three clear Sundays“. Der Rechtsdiskurs als Träger des Unrechts am Beispiel von The Paradine Case

Anke Zechner: „She will be hanged after three clear Sundays“. Der Rechtsdiskurs als Träger des Unrechts am Beispiel von The Paradine Case

Mein Text soll den medialen Rechtsdiskurs als Träger des Unrechts am Beispiel von The Paradine Case (USA 1947, R: Alfred Hitchcock) aufzeigen. Die grundsätzlich mediale Struktur von Gerichtsverfahren führt zur Verdopplung des Unsichtbaren des Giftmordes im Medium Film. Nicht nur das Gift in seiner Flüchtigkeit und damit der Giftmord als solcher scheint sich zu entziehen, auch der Versuch des diskursiven Aufdeckens und Festhaltens des Giftmordes vor Gericht kann diesen nicht wirklich fassen. Die Frau als Rechtlose steht hier je stärker im Visier, desto ungreifbarer der Giftmord als solcher wird. Dem gegenüber gesetzt wird daher ein theatralisches Moment der Frau, die sich selbst außerhalb des Rechts stellt.

Philipp Hanke: Strategien der Entkörperlichung. Biopolitische Prekarität und filmische Handlungsmacht in den Filmen von Todd Haynes 

Philipp Hanke: Strategien der Entkörperlichung. Biopolitische Prekarität und filmische Handlungsmacht in den Filmen von Todd Haynes 

An den Frauenfiguren des amerikanischen Filmemachers Todd Haynes scheinen sich Formen subjektivierten Leidens und biopolitischer Prekarität exemplarisch zeigen zu lassen. Als Ergebnis normierender und diskriminierender Unterdrückung drohen die Frauenfiguren – auch auf sehr körperliche Weise – zu verschwinden. Ein genauerer Blick auf queere Blickweisen, filmästhetische Subversion und einen allegorisch-metaphorischen Umgang mit politisch aufgeladenen Themen wie Identität, Krankheit, Geschlecht und Rassismus lässt jedoch die Ambivalenz dieser Entkörperlichung und Momente möglicher Handlungsmacht hervortreten.

Maurice Spengler: „The love that dare not speak its name“. Männliche Homosexualität als historisches Phänomen im British Gay Heritage Cinema

Maurice Spengler: „The love that dare not speak its name“. Männliche Homosexualität als historisches Phänomen im British Gay Heritage Cinema

Der Beitrag untersucht die durch Verweise auf die Antike und Kopplung an die Gegenwart evozierten Widersprüche in der Betrachtung männlicher Homosexualität im Genre des British Gay Heritage Cinema. Anhand ausgewählter Filmbeispiele soll gezeigt werden, wie es durch die Vermischung der Zeitebenen zu Ambivalenzen in der Repräsentation männlicher Homosexualität kommt. Die filmische Gegenwart des Viktorianismus wird dabei durch das Konzept der platonischen Liebe angereichert. Das Zusammenspiel aus der dargestellten Frustration der homosexuellen Protagonisten und dem visuellen Genießen der Nostalgie des Genres scheint widersprüchlich und verweist auf aktuelle Debatten über Toleranz und Vielfalt.